Von der Warnung zur Therapieoption

Lange galt körperliche Aktivität bei Multipler Sklerose (MS) als potenzielles Risiko. Menschen mit MS wurde häufig geraten, Anstrengung, Überhitzung und damit verbundene mögliche Verschlechterungen zu vermeiden. Heute zeichnet die Forschung ein anderes Bild: Bewegungsmangel kann Mobilität, Selbstständigkeit und gesellschaftliche Teilhabe beeinträchtigen. Körperliche Aktivität wird deshalb zunehmend als wichtiger Bestandteil eines modernen MS-Managements verstanden.

Die entscheidende Frage lautet allerdings nicht, ob Menschen mit MS „mehr Sport machen“ sollten. Entscheidend ist, wie Bewegung individuell angepasst, sicher dosiert und langfristig in den Alltag integriert werden kann – insbesondere bei Fatigue, Spastik sowie Gang- und Gleichgewichtsstörungen.

 

MS: eine Erkrankung mit vielen Gesichtern

Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, deren Erscheinungsbild aufgrund unterschiedlicher Läsionen und betroffener Funktionssysteme sehr variabel ist. In Deutschland leben schätzungsweise rund 280.000 Menschen mit MS. Die Erkrankung kann unter anderem Mobilität, Koordination, Sensibilität, Sehfähigkeit, kognitive Funktionen sowie Blasen- und Darmfunktion beeinflussen.

Auch die Ursachen sind komplex. Neben genetischen und Umweltfaktoren gilt eine frühere Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) heute als einer der wichtigsten bekannten Risikofaktoren. Ein alleiniger Auslöser ist EBV jedoch nicht.

Für die Verlaufskontrolle wird häufig die EDSS eingesetzt. Da diese Skala insbesondere die Gehfähigkeit stark gewichtet, sind zusätzliche symptom- und funktionsspezifische Assessments für eine individuelle Therapieplanung besonders wichtig.

 

Drei Symptome, die Therapie besonders herausfordern

Fatigue gehört zu den häufigsten und belastendsten Symptomen. Sie kann körperliche, kognitive und psychosoziale Dimensionen umfassen und die Lebensqualität sowie gesellschaftliche Teilhabe erheblich einschränken. Schlafstörungen, Depression, Schmerzen oder Blasenprobleme können den Kreislauf zusätzlich verstärken. Eine genaue Anamnese und standardisierte Erfassung, beispielsweise mit FSMC oder WEIMuS, sind daher entscheidend.

Spastik betrifft im Verlauf der Erkrankung einen großen Teil der Betroffenen. Tonuserhöhung, verlangsamte Bewegungen, Schmerzen, Paresen und eingeschränkte Mobilität können die Folge sein. Dabei muss die individuelle Funktion berücksichtigt werden: Eine Tonuserhöhung kann unter Umständen sogar zur Stützfunktion beitragen. Für die Beurteilung stehen unter anderem die modifizierte Ashworth-Skala und die Tardieu-Skala zur Verfügung.

Gang- und Gleichgewichtsstörungen entstehen häufig durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren wie Fatigue, Paresen, Spastik oder kognitiver Einschränkungen. Sie können die Selbstständigkeit erheblich reduzieren und das Sturzrisiko erhöhen. Tests wie Timed 25-Foot Walk, 6-Minute-Walk Test und Timed Up and Go ermöglichen eine objektive Verlaufskontrolle.

 

Bewegung als Teil eines modernen MS-Managements

Die aktuelle Evidenz spricht dafür, Bewegung nicht isoliert, sondern als Bestandteil eines interprofessionellen Behandlungskonzepts zu betrachten. Medikamentöse verlaufsmodifizierende Therapien werden dadurch nicht ersetzt. Vielmehr ergänzen gezielte Aktivität, Physiotherapie, Sportwissenschaft und Edukation die medizinische Versorgung.

Vier Prinzipien sind besonders relevant: Individualisierung, zielgerichtete Übungen, progressive Belastungssteigerung sowie regelmäßiges und langfristiges Training. Bereits moderate Aktivität kann positive Effekte erzielen. Aktuelle Forschung untersucht darüber hinaus intensivere Trainingsformen wie HIIT, die möglicherweise zusätzliche neuroprotektive und antiinflammatorische Mechanismen ansprechen.

Doch welche Trainingsform eignet sich für welches Symptom?

 

Was die Evidenz zu den Symptomen zeigt

Bei Fatigue zeigen verschiedene Trainingsformen positive Effekte – darunter Ausdauer-, Kraft-, kombiniertes und Mind-Body-Training. Eine große Netzwerk-Metaanalyse deutet darauf hin, dass bereits etwa 240 MET-Minuten pro Woche mit Verbesserungen verbunden sein können; höhere Umfänge könnten zusätzliche Effekte bringen. Diese Werte sind jedoch Orientierungen und keine starren Vorgaben.

Bei Spastik ist die Evidenz weniger eindeutig. Hinweise bestehen unter anderem für körperliche Aktivität, physiotherapeutische Maßnahmen, robotergestütztes Gangtraining sowie regelmäßige Beweglichkeits- und Dehnungsprogramme. Entscheidend scheint weniger eine einzelne „beste“ Methode zu sein als die langfristige Umsetzung.

Bei Gang- und Gleichgewichtsstörungen sprechen die Daten insbesondere für funktionelle und multimodale Ansätze. Kraft-, Ausdauer-, Balance-, Koordinations- und Dual-Task-Training können kombiniert werden. Robotergestütztes Gangtraining kann ebenfalls hilfreich sein. Für die Sturzprävention spielt spezifisches Gang- und Balancetraining eine zentrale Rolle.

 

Was bedeutet das für die Praxis?

Eine erfolgreiche Therapie beginnt nicht mit der Auswahl einer Trainingsmethode, sondern mit der Frage: Welches Problem schränkt die Person aktuell am stärksten ein? Daraus ergeben sich das individuelle Aktivitätsziel, passende Assessments und eine realistisch umsetzbare erste Intervention.

Bei Fatigue können beispielsweise kurze, geplante Trainingseinheiten und Pausen sinnvoll sein. Bei Spastik können regelmäßige Bewegungs- und Dehnungsroutinen helfen. Bei Gang- und Gleichgewichtsstörungen sollten sichere funktionelle Übungen wie Richtungswechsel, Treppensteigen oder Dual-Task-Aufgaben im Mittelpunkt stehen.

Der Schlüssel liegt dabei in realistischen Zielen, Selbstmonitoring, individueller Belastungssteuerung und langfristiger Adhärenz.

 

Fazit: Bewegung als langfristiger Baustein

Die zentrale Erkenntnis hat sich grundlegend verändert: Bewegung ist bei MS nicht grundsätzlich zu vermeiden, sondern kann ein wichtiger nicht-medikamentöser Baustein des Langzeitmanagements sein. Physiotherapeut und Sportwissenschaftler übernehmen dabei eine entscheidende Rolle – nicht nur als Anleitung für Übungen, sondern als Begleiter auf dem Weg zu sicherer, selbstbestimmter und nachhaltiger Aktivität.

 

Doch welche Intervention passt zu welcher Person, wie lässt sich die Trainingsdosis konkret bestimmen und welche Assessments helfen dabei, Fortschritte zuverlässig sichtbar zu machen?

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