

Bewegung als therapeutisches Mittel
Chronische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und psychische Störungen gehören weltweit zu den wichtigsten gesundheitlichen Belastungen. Bewegungsmangel gilt dabei als zentraler Risikofaktor. Gleichzeitig zeigt die Forschung: Körperliches Training kann nicht nur präventiv wirken, sondern auch therapeutisch eingesetzt werden – etwa auf Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-Funktion und psychische Gesundheit.
Die Initiative „Exercise is Medicine“, 2007 vom American College of Sports Medicine gegründet, fordert deshalb, Bewegung als festen Bestandteil medizinischer Versorgung zu verstehen. Doch wie lässt sich dieser Ansatz konkret in der Praxis umsetzen?
Herzklappenerkrankungen: Training nach TAVI
Ein Beispiel ist Frau M., 78 Jahre alt, sechs Wochen nach einer TAVI. Schon wenige Treppenstufen erschöpfen sie, gleichzeitig fühlt sie sich unsicher. Statt weiterer Schonung beginnt sie mit einem individuell angepassten, moderaten Trainingsprogramm. Vier Wochen später kann sie ihre Enkel wieder selbstständig vom Kindergarten abholen.
Die Evidenz zeigt, dass strukturiertes Training nach Herzklappeneingriffen sicher ist und die funktionelle Kapazität verbessern kann. Nachgewiesen sind unter anderem Verbesserungen der kardiopulmonalen Fitness, der 6-Minuten-Gehstrecke und der Lebensqualität. Auch Rehospitalisierungen und psychische Belastungen können reduziert werden. Aerobes Training, leichtes bis moderates Krafttraining sowie Low-Impact-Formen wie Tai-Chi können geeignete Bausteine sein.
Entscheidend ist eine individuelle Funktions- und Belastungsdiagnostik, beispielsweise mittels 6-Minuten-Gehtest und Borg-Skala.
Typ-2-Diabetes: Nicht jedes Training wirkt gleich
Auch bei Typ-2-Diabetes ist Training eine zentrale nicht-pharmakologische Intervention. Es steigert die Glukoseaufnahme der Muskulatur, verbessert die Insulinsensitivität und beeinflusst Blutfette sowie Entzündungsprozesse.
Dabei gibt es nicht die eine beste Trainingsform. HIIT kann besonders den Fastenblutzucker verbessern, während Method Training wie Tai-Chi oder Baduanjin deutliche Effekte auf HbA1c und Triglyceride zeigt. Resistance Training beeinflusst unter anderem LDL und Gesamtcholesterin, während Ausdauer- und kombiniertes Training günstige Effekte auf HDL und weitere kardiometabolische Parameter haben.
Der entscheidende klinische Gedanke lautet daher: Trainingsform und Zielparameter müssen zusammenpassen.
Psychische Gesundheit: Bewegung wirkt auch auf die Psyche
Bei Kindern und Jugendlichen mit Depressionen, Angststörungen oder niedrigem Selbstwert kann Training eine wichtige therapeutische Ergänzung sein. Die Evidenz zeigt moderate Verbesserungen depressiver Symptome und signifikante positive Effekte auf den Selbstwert. Besonders Resistance Training erwies sich hierfür als wirksam. Bei Angstsymptomen waren die Ergebnisse weniger eindeutig; kombinierte Trainingsformen zeigten hier vergleichsweise günstige Effekte.
Mögliche Wirkmechanismen reichen von gesteigerter Selbstwirksamkeit und besserer Körperwahrnehmung bis hin zu sozialer Interaktion, Stressregulation und verbessertem Schlaf.
Training verschreiben statt empfehlen
Damit Bewegung tatsächlich therapeutisch wirkt, muss sie individuell dosiert, überwacht und progressiv gesteigert werden. Der FITT-VP-Ansatz strukturiert die Trainingsverschreibung über Frequency, Intensity, Time, Type, Volume und Progression.
Damit wird aus dem allgemeinen Rat „Bewegen Sie sich mehr“ eine konkrete therapeutische Intervention.
Doch welche Trainingsform sollte bei welcher Erkrankung, welchem Zielparameter und welchem Belastungsprofil gewählt werden – und wo liegen die Grenzen der sicheren Belastungssteigerung?
Was bedeutet das für deine Praxis?
Training ist evidenzbasierte Therapie. Die Auswahl sollte sich an Erkrankung, Zielparameter, Fitnesszustand und Sicherheit orientieren. Krafttraining, Ausdauertraining, kombinierte Programme und Mind-Body-Formen können je nach Ziel unterschiedliche Vorteile bieten.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Bewegung wirkt – sondern wie du sie gezielt dosierst, damit sie für deine Patient maximal wirksam und sicher wird.
Dein DK Sports & Physio Team aus der Karlsruher Oststadt
Abkürzungsverzeichnis
AET – Aerobic Exercise Training (kontinuierliches Ausdauertraining mit moderater Intensität, z. B. Gehen, Radfahren)
ACSM – American College of Sports Medicine (internationale Fachgesellschaft für Sport- und Bewegungswissenschaft)
Borg-Skala – Skala zur subjektiven Einschätzung der wahrgenommenen Belastung während körperlicher Aktivität
CBT – Combined Training (Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining innerhalb eines Trainingsprogramms)
EQ-5D – Fragebogen zur Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität (EuroQol-5 Dimensions)
FBG – Fasting Blood Glucose (Fastenblutzucker)
FITT-VP – Frequency, Intensity, Time, Type, Volume, Progression (Parameter zur strukturierten Trainingsplanung)
HbA1c – Glykosyliertes Hämoglobin (Langzeit-Blutzuckerwert der letzten 2–3 Monate)
HDL – High-Density Lipoprotein („gutes“ Cholesterin)
HIIT – High-Intensity Interval Training (Intervalltraining mit sehr hoher Belastungsintensität)
LDL – Low-Density Lipoprotein („schlechtes“ Cholesterin)
MT – Method Training (traditionelle Bewegungsformen wie Tai-Chi oder Baduanjin)
RCT – Randomized Controlled Trial (randomisierte kontrollierte Studie)
RT – Resistance Training (Krafttraining mit Gewichten oder Widerstand)
SF-36 – Short Form Health Survey (Fragebogen zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität)
T2DM – Type 2 Diabetes Mellitus (Typ-2-Diabetes)
TAVI – Transkatheter-Aortenklappenimplantation (minimalinvasiver Ersatz der Aortenklappe ohne offene Operation)
TC – Total Cholesterol (Gesamtcholesterin)
TG – Triglyceride (Blutfette)
VO₂max – Maximale Sauerstoffaufnahme (Maß für die kardiopulmonale Leistungsfähigkeit)
6MWT – 6-Minute Walk Test (6-Minuten-Gehtest zur Beurteilung der funktionellen Leistungsfähigkeit)
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[1] I. A. Khan, M. Khan & M. Liaqat Sheikh, „Exercise is Medicine: From an Aphorism to an Aspirational Global Initiative“, Mathews Journal of Sports Medicine, vol. 4, no. 1, art. 11, 2025. doi:10.30654/MJSM.10011.
[2] Zhang et al., „Exercise rehabilitation for patients undergoing interventions for heart valve disease: A scoping review“, 2025.
[3] S. Zhou, Y. Xu, Y. Yang, H. Song, X. Wang & Y. Yu, „Effect of exercise interventions on depression, anxiety and self-esteem in children and adolescents: A systematic review and network meta-analysis“, BMC Public Health, vol. 25, art. 3706, 2025. doi:10.1186/s12889-025-25044-6.
[4] S. Xing, Y. Zhang, Y. Chen, S. Feng, Y. Zhang & P. Moreira, „Comparing the impacts of different exercise interventions on patients with type 2 diabetes mellitus: A literature review and meta-analysis“, Frontiers in Endocrinology (Lausanne), vol. 16, art. 1495131, 2025. doi:10.3389/fendo.2025.1495131.