Beckenbodenbeschwerden: Eine unterschätzte Barriere für Sport und Bewegung

Wenn Bewegung plötzlich zur Belastung wird

Bewegung scheitert nicht immer an fehlender Motivation, Zeitmangel oder Erschöpfung. Für manche Frauen sind Scham, Angst vor Urinverlust, ein Druckgefühl im Becken oder die Sorge vor einer Symptomverstärkung der Grund, warum sie laufen, springen oder trainieren vermeiden. Beckenbodensymptome können damit nicht nur Kontinenz, Körpergefühl und Lebensqualität beeinflussen, sondern auch die aktive Teilhabe an Sport und Bewegung.

Eine große australische Online-Befragung mit 4556 Frauen zeigt, wie relevant dieses bislang häufig unterschätzte Thema ist: 31 Prozent der Teilnehmerinnen bezeichneten ihre Beckenbodensymptome als wesentliche Barriere für Sport und Bewegung. Besonders häufig wurde Harninkontinenz genannt. Frauen mit stärkeren Symptomen oder höherem Leidensdruck berichteten häufiger, Sport einzuschränken oder ganz aufzugeben. Gleichzeitig waren Frauen, die ihre Symptome als Bewegungsbarriere wahrnahmen, mit höherer Wahrscheinlichkeit körperlich inaktiv.

 

Nicht nur ein Thema für ältere oder postpartale Frauen

Beckenbodensymptome umfassen unter anderem Harn- oder Stuhlinkontinenz sowie Beschwerden durch einen Beckenorganprolaps. Sie sind keineswegs ausschließlich bei älteren oder postpartalen Frauen relevant. Auch jüngere und nullipare Frauen können betroffen sein.

Das ist besonders bedeutsam, weil körperliche Inaktivität ein wichtiger Risikofaktor für verschiedene chronische Erkrankungen ist. Gleichzeitig können gerade sportliche Belastungen Symptome provozieren oder verstärken. Frühere Untersuchungen zeigten beispielsweise Einschränkungen der sportlichen Aktivität bei einem erheblichen Anteil symptomatischer Frauen mit Harninkontinenz oder Prolaps.

Die aktuelle Studie betrachtet Beckenbodensymptome deshalb nicht nur als medizinisches Problem, sondern als mögliche Barriere für gesellschaftliche Teilhabe und gesundheitsfördernde Bewegung.

 

Was wurde untersucht?

Die Forscher führten zwischen Mai und September 2018 eine anonyme, querschnittliche Online-Befragung durch. Eingeschlossen wurden australische Frauen zwischen 18 und 65 Jahren mit aktuellen oder früheren Beckenbodensymptomen oder der Sorge, solche beim Sport zu entwickeln.

Erfasst wurden unter anderem Harninkontinenz, anale Inkontinenz und Prolapsbeschwerden sowie das Bewegungsverhalten. Die Teilnehmerinnen wurden außerdem danach verglichen, ob sie ihre Symptome als wesentliche Sportbarriere wahrnahmen.

Ausgeschlossen wurden Schwangere, Frauen innerhalb von sechs Monaten nach der Geburt und Stillende, da für diese Lebensphasen eigene Bewegungsempfehlungen gelten können.

 

Was bedeuten die Ergebnisse für die Praxis?

Die Ergebnisse legen nahe, dass Physiotherapeut, Trainer und andere Gesundheitsfachpersonen Beckenbodensymptome aktiv und sensibel ansprechen sollten – und zwar nicht nur bei älteren oder postpartalen Patientinnen.

Denn viele Betroffene sprechen Beschwerden aus Scham oder Unsicherheit möglicherweise nicht von sich aus an. Ein Screening-Fragebogen kann helfen, sensible Themen bereits vor dem persönlichen Anamnesegespräch zu erfassen.

Auch bei bestehenden Beschwerden bedeutet die Lösung nicht automatisch, Sport vollständig zu vermeiden. Je nach individueller Situation können Belastungen angepasst, Stoß- und Sprungbelastungen zunächst reduziert und anschließend progressiv gesteigert werden. Beckenbodentraining sowie die Schulung von Atmung, Belastungssteuerung und funktioneller Beckenbodenaktivierung können dabei eine Rolle spielen.

 

Was die Studie nicht beantworten kann

Trotz der großen Teilnehmerinnenzahl müssen die Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden. Es handelt sich um eine Querschnittsstudie ohne Kontrollgruppe und ohne Randomisierung. Deshalb lässt sich nicht feststellen, ob Beckenbodensymptome tatsächlich die Ursache körperlicher Inaktivität sind.

Auch andere Faktoren wie Zeitmangel, Kinderbetreuung, Schmerzen, Motivation, Übergewicht, soziales Umfeld oder der Zugang zu Sportangeboten können das Bewegungsverhalten beeinflussen. Zudem wurden die Teilnehmerinnen unter anderem über soziale Medien rekrutiert, wodurch eine Verzerrung der Stichprobe möglich ist.

 

Der entscheidende Praxisimpuls

Die Studie macht sichtbar, dass Beckenbodensymptome mehr sein können als ein intimes „Nebenproblem“. Für etwa eine von drei symptomatischen Frauen können sie eine wesentliche Barriere für Bewegung darstellen.

Damit entsteht ein konkreter Auftrag für die Praxis: Beschwerden frühzeitig erkennen, enttabuisieren, individuell beraten und bei Bedarf gezielt behandeln oder weiterverweisen. Besonders interessant ist dabei die Frage, ob Screening, Aufklärung und physiotherapeutische Interventionen tatsächlich dazu beitragen können, dass Frauen wieder dauerhaft körperlich aktiv werden.

Genau hier beginnt der nächste Schritt: Wie lässt sich aus dem Erkennen einer unsichtbaren Bewegungsbarriere eine konkrete Strategie für Screening, Beratung und Trainingssteuerung entwickeln?

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Quellenangaben:

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