Schulterschmerzen durch „Impingement-Syndrom“?

Was kann man dagegen tun und ist der Name noch up-to-date?

Blogbeitrag - Impingement-Syndrom
  1. Was ist ein Impingement-Syndrom?
  2. Ist der Name gerechtfertigt?
  3. Was kann man dagegen tun?
  4. Fazit

1. Was ist ein Impingement-Syndrom aka subakromiales Impingement-Syndrom (SAIS)?

Schulterschmerzen sind die dritthäufigste muskuloskelettale Beschwerde, die zu Behinderungen führen kann. Die Prävalenz (das Vorkommen) von Schulterschmerzen liegt Berichten zufolge in der Allgemeinbevölkerung zwischen 7 und 27% und ist bei Sportlern, die mit dem Arm über Kopf arbeiten, sogar noch höher und kann zwischen 36 und 66 % betragen. Die häufigste Diagnose bei Schulterschmerzen ist das subacromiale Schmerzsyndrom (SAPS), das häufig auch als „Schulter-Impingement-Syndrom bezeichnet wird. Die Prävalenz des SAPS wird auf 36 bis 48 % aller Arten von Schulterschmerzen geschätzt. [9]

„Impingement“ bedeutet übersetzt „Zusammenstoß“. 1972 führte Dr. Charles Neer die Idee ein, dass Probleme der Rotatorenmanschette das Ergebnis eines Kontaktes oder „Impingements“ der Sehnen der Rotatorenmanschette mit dem Akromion (Schulterdach), dem Ligamentum Coracoacromiale oder der Unterfläche des Akromioklavikulargelenks sind. [1] Dies war keine solide wissenschaftliche Arbeit. Nach heutigen Maßstäben würden wir es als Blog bezeichnen. [2] 1983 schrieb er, dass er glaubt, dass 95% der Risse der Rotatorenmanschette durch Impingement verursacht werden. [3] 

Also gingen viele Menschen davon aus, dass der Schmerz, den die betroffenen Personen beim Anheben bzw. nach außen oben anheben haben, daher kommt, dass eine Art Verengung zwischen Schulterdach und Oberarmkopf dazu führt, dass Sehnen bzw. Muskulatur „eingeklemmt“ werden.

Neer empfahl eine chirurgische Entfernung, um das Impingement zu stoppen, und im letzten halben Jahrhundert könnte man auf der Grundlage der verfügbaren Statistiken behaupten, dass sich Millionen von Menschen auf der ganzen Welt einer Akromioplastik unterzogen haben, um zu verhindern, dass dieser Teil des Knochens auf die Weichteile im subakromialen Raum drückt. [2]

Die Operation (subakromiale Dekompression) sollte diesen Raum vergrößern. Das klingt auch im ersten Moment plausibel, dass die Raumvergrößerung dazu führt, dass die betroffenen Strukturen weniger zusammenstoßen bzw. einklemmen und die Beschwerden dadurch besser werden sollten. Ist es aber tatsächlich so?

2. Ist der Name gerechtfertigt?

Da die chirurgische Dekompression im Vergleich zur konservativen Behandlung von SAIS-Patienten keinen zusätzlichen Nutzen bringt, ist die Impingement-Theorie überholt und die chirurgische Behandlung sollte bei der Behandlung solcher Patienten keine Rolle spielen. Einige Fachleute fordern, den Begriff Impingement-Syndrom aufzugeben und es in anterolaterales Schulterschmerzsyndrom umzubenennen. Es scheint, dass das SAIS ein medizinischer Mythos ist. Andere bezeichnen das SAIS als eine klinische Illusion. [4]

 

Zudem scheint ein gewisses „Impingen“ oder „Einklemmen“ sogar normal und oft überhaupt nicht bedenklich. [5], [6]

3. Was kann man dagegen tun? 

Unabhängig von der Wahl der Therapie, scheint es, als würde es in vielen Fällen keine Unterschiede bezüglich Schmerzintensität und Funktion der Schulter geben, selbst nach 5-jährigem Follow-Up. Es wurde hier gezeigt, dass eine tatsächliche Arthroskopie, eine Schein-Arthroskopie und Übungstherapie ähnliche Ergebnisse in der Genesung aufweisen (siehe Abbildung 1). [7]

Abb. 1

Eine weitere randomisierte Studie zeigte auch auf, dass die arthroskopisch subakromiale Dekompression bei den Nachuntersuchungen nach 6 Monaten und 1 Jahr als nicht vorteilhafter als die Arthroskopie und kein Eingriff. [2], [8]

 

Es gibt eindeutige Belege dafür, dass ein Übungsprogramm bei dem so genannten subakromialen Impingement-Syndrom nach 1-, 2-, 4-, 5- und 10-Jahres-Follow-up genauso wirksam ist wie eine Operation und dass es bei partiellen Rotatorenmanschettenrissen genauso wirksam ist wie eine Operation. [2]

 

Im Folgenden siehst du je 2 Übungsbeispiele aus 4 Leveln, die wir gerne in der Reha einsetzen. Durch die Level hinweg wird die Schwierigkeit gesteigert – das heißt Übungen aus Level 1 werden eher in der frühen Phase und Level 4 in der späten Phase der Reha eingesetzt. Alle Übungen sind nur Beispiele neben vielen anderen sinnvollen Übungen und sollten immer individuell auf die betroffene Person angepasst und abhängig von verschiedenen Faktoren gesteigert werden:

4. Fazit

Diese Ergebnisse stellen die Begründung für den vorgeschlagenen biomechanischen Nutzen der subakromialen Dekompression erheblich in Frage und könnten das Ende der Ära dieses Verfahrens einläuten. [2] 

 

Des Weiteren stellen sie die derzeitige Praxis der subakromialen Dekompression bei Patienten mit Impingement-Syndrom in Frage und untermauern die bestehenden Leitlinien, in denen von dieser Operation zur Behandlung von Patienten mit subakromialen Schmerzen dringend abgeraten wird. 

 

Demnach scheint es für uns logisch, zunächst einen konservativen Ansatz in der Therapie zu verfolgen, der sich nach der aktuellen Situation und den individuellen Anforderungen der Patienten ausrichtet. Da Trainingstherapie in diesem Zusammenhang sowohl einen primären als auch generell viele sekundäre Nutzen haben kann, könnte ein individualisiertes und progressives Rehabilitationsprotokoll unter Berücksichtigung der jeweiligen, aktuellen Situation, Symptomen und Funktionen ein guter Weg zur Genesung der Schulterschmerzen sein.

 

Bei Fragen oder wenn du Hilfe in der Reha oder beim Training benötigst, komme gerne jederzeit auf uns zu.

 

Dein Physio-Team aus der Karlsruher Oststadt.

David Kunzmann
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Ich bin David Kunzmann, Sportphysiotherapeut, Personal-Trainer und Geschäftsführer der DK Sports & Physio GmbH. Ich manage und optimiere die Rehabilitation und Leistungsfähigkeit von Leistungssportlern & aktiven Erwachsenen.

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Marco Willy
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Ich bin Marco Willy, Physiotherapeut und Personal-Trainer. Ich manage und optimiere die Rehabilitation und Leistungsfähigkeit von Leistungssportlern & aktiven Erwachsenen.

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Lea Schütt
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Ich bin Lea Schütt, Physiotherapeut und Personal-Trainerin. Ich manage und optimiere die Rehabilitation und Leistungsfähigkeit von Leistungssportlern & aktiven Erwachsenen.

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Quellenangaben:
    1. C. S. Neer, „Anterior acromioplasty for the chronic impingement syndrome in the shoulder: a preliminary report“, J. Bone Joint Surg. Am., Bd. 54, Nr. 1, S. 41–50, Jan. 1972.

    2. J. Lewis, „The End of an Era?“, J. Orthop. Sports Phys. Ther., Bd. 48, Nr. 3, S. 127–129, März 2018, doi: 10.2519/jospt.2018.0102.

    3. C. S. Neer, „Impingement lesions“, Clin. Orthop., Nr. 173, S. 70–77, März 1983.

    4. D. Ks, „Subacromial Impingement Syndrome of the Shoulder: A Musculoskeletal Disorder or a Medical Myth?“, Malays. Orthop. J., Bd. 13, Nr. 3, S. 1–7, Nov. 2019, doi: 10.5704/MOJ.1911.001.

    5. R. L. Lawrence, J. P. Braman, und P. M. Ludewig, „The Impact of Decreased Scapulothoracic Upward Rotation on Subacromial Proximities“, J. Orthop. Sports Phys. Ther., Bd. 49, Nr. 3, S. 180–191, März 2019, doi: 10.2519/jospt.2019.8590.

    6. R. L. Lawrence, J. P. Braman, und P. M. Ludewig, „Shoulder kinematics impact subacromial proximities: a review of the literature“, Braz. J. Phys. Ther., Bd. 24, Nr. 3, S. 219–230, Mai 2020, doi: 10.1016/j.bjpt.2019.07.009.

    7. M. Paavola u. a., „Subacromial decompression versus diagnostic arthroscopy for shoulder impingement: a 5-year follow-up of a randomised, placebo surgery controlled clinical trial“, Br. J. Sports Med., Bd. 55, Nr. 2, S. 99–107, Jan. 2021, doi: 10.1136/bjsports-2020-102216.

    8. D. J. Beard u. a., „Arthroscopic subacromial decompression for subacromial shoulder pain (CSAW): a multicentre, pragmatic, parallel group, placebo-controlled, three-group, randomised surgical trial“, The Lancet, Bd. 391, Nr. 10118, S. 329–338, Jan. 2018, doi: 10.1016/S0140-6736(17)32457-1.

    9. Park, S. W., Chen, Y. T., Thompson, L., Kjoenoe, A., Juul-Kristensen, B., Cavalheri, V. & McKenna, L. (2020). No relationship between the acromiohumeral distance and pain in adults with subacromial pain syndrome: a systematic review and meta-analysis. Scientific Reports, 10(1). https://doi.org/10.1038/s41598-020-76704-z 219–230, Mai 2020, doi: 10.1016/j.bjpt.2019.07.009.