Alles, was Du über Hamstrings wissen musst

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Die Hamstrings oder auch Ischiocrurale Muskulatur spielen in nahezu jeder Sportart eine wichtige Rolle. Vor allem in Sportarten, die Sprints, Zweikämpfe, Sprünge, schnelle Richtungswechsel und Kickbewegungen erfordern, sind die Hamstrings ein Big Player. Dementsprechend häufig klagen Athleten über Verletzungen dieser Muskelgruppe.

In diesem Artikel wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint, soweit es für die Aussage erforderlich ist.

1. Einleitung

Die Hamstrings oder auch Ischiocrurale Muskulatur spielen in nahezu jeder Sportart eine wichtige Rolle. Vor allem in Sportarten, die Sprints, Zweikämpfe, Sprünge, schnelle Richtungswechsel und Kickbewegungen erfordern, sind die Hamstrings ein Big Player. Dementsprechend häufig klagen Athleten über Verletzungen dieser Muskelgruppe. 

Eine Meta-Analyse von 5952 Verletzungen zeigt, dass Verletzungen der Hamstrings circa 10 % aller Verletzungen in feldbasierten Mannschaftssportarten ausmachen, wobei 13 % der Athleten über einen Zeitraum von 9 Monaten eine Hamstring-Verletzung erleiden, am häufigsten während der Spiele (Maniar et al., 2022). 

Diese Zahl bestätigte sich auch im Fußball. Hamstringverletzungen stellen beispielsweise 5-15% aller Fußballverletzungen dar. Erschreckenderweise liegt die Wiederverletzungsrate bei bis zu 68%. (Diemer et al. 2021) 

In den letzten acht Fussballsaisons (von 2014/15 bis 2021/22) hat die Häufigkeit und die Belastung durch Hamstringverletzungen im Training und Wettkampf deutlich zugenommen. Der Anteil der Verletzungen, die als Hamstringverletzungen diagnostiziert wurden, stieg von 12 % im Jahr 2001/02 auf 24 % im Jahr 2021/22. Der Anteil der durch Hamstringverletzungen verursachten Ausfälle an allen Verletzungen ist von 10 % im Jahr 2001/02 auf 20 % im Jahr 2021/22 gestiegen. Etwa 18 % aller gemeldeten Hamstringverletzungen waren Rezidive (erneute Verletzungen), wobei mehr als zwei Drittel davon innerhalb von zwei Monaten nach Return to Play (Rückkehr zum Sport) auftraten. (Ekstrand et al., 2022)

Ziel dieses Artikels ist es, Hamstringverletzungen und ihre Rehabilitation näher zu beleuchten, sodass auch du, wenn du gerade betroffen bist, wertvolle Informationen für deine Situation und den Umgang damit erhältst, die dich weiterbringen können. Neben Untersuchungen zur Rehabilitation stieg in letzter Zeit auch das Interesse am Erforschen von präventiven Ansätzen. Unseren Blog hierzu kannst Du hier {Hyperlink} lesen.

2. Anatomische Basics

Als Hamstrings oder Ischiocrurale Muskulatur (im folgenden Hamstrings genannt) beschreibt die Medizin die Muskelgruppe der Oberschenkel- Rückseite. Diese besteht aus drei Muskeln. Alle drei entspringen am sogenannten Tuber Ischiadicum, einem knöchernen Teil des Beckens, und setzen am Unterschenkel an. Dabei kann die Muskelgruppe in einen inneren (medialen) Anteil (M. semimembranosus und M. semitendinosus) und einen äußeren (lateralen) Anteil (M. biceps femoris) unterteilt werden.

Alle drei Muskeln verlaufen über zwei Gelenke und werden deshalb als biartikulär bezeichnet. Dabei verläuft sowohl der M. semimembranosus als auch der M. semitendinosus von innen an das Schienbein (Pes anserinus der Tibia). Der M. biceps femoris hingegen verläuft nach außen ans Wadenbeinköpfchen (Caput fibulae). Sie sind allesamt in der Lage, die Hüfte zu strecken sowie das Knie zu beugen und zu rotieren. Diese Aufgaben werden in der Medizin Funktion genannt.

Funktionell spielen die Hamstrings eine Hauptrolle in der Kraftübertragung der unteren Extremität auf den Rumpf und umgekehrt. 

Die Nervenversorgung erfolgt durch den N. tibialis (früher N. Ischiadicus genannt; Ausnahme: Caput breve des M. biceps femoris vom N. fibularis innerviert). (Afonso et al. 2021) 

3. Weshalb sind die Hamstrings häufig verletzt? 

Wie schon oben beschrieben, spielen die Hamstrings eine Hauptrolle in der Kraftübertragung von unterer Extremität auf den Rumpf und umgekehrt. Dies ist beim Sprinten, Springen, Bremsen, schnellen Richtungswechseln und Kicken entscheidend. 

Bei der Mehrheit aller Hamstring-Verletzungen handelt es sich um Verletzungen ohne Kontakt, weshalb sie als “indirekte Muskelverletzung” klassifiziert werden. Am häufigsten ist dabei der Muskel- Sehnen- Übergang betroffen. (Ishøj et al. 2020) 

Interessanterweise ist der M. Biceps Femoris in bis zu 80% aller Hamstringverletzungen der verletzte Muskel. (Gronwald et al., 2022) Und 53 % – 68 % der Verletzungen passieren laut Opar et al. (2012) beim Sprinten.

Die Hamstrings werden nicht nur zum Sport gebraucht, sondern sind schon in vielen alltäglichen Bewegungen aktiv. Beim Gehen bremsen sie den Schwung des Spielbeins ab. Im Stand sorgen sie für eine aktive (konzentrische) Hüftstreckung. 

Im Sport-Setting sind sie ebenfalls für das Bremsen des Knies im Beinvorschwung sowie gemeinsam mit dem M. glutaeus medius für eine aktive Hüftstreckung während der Rückwärtsbewegungen verantwortlich. (Afonso et al. 2021) 

aus Bolibar & Bresin, 2012

Aufgrund Ihres Verlaufes über zwei Gelenke sind die Hamstrings anfällig für Verletzungen. Man kann die Art und Weise der Verletzungen folgendermaßen unterteilen: 

  • Dehnungsbezogene Verletzungen
  • Laufverletzungen 
  • Kraftabhängige Verletzungen

Dehnungsbezogene Verletzungen: 

Hierbei handelt es sich vor allem um Verletzungen während Tritt- und Kickbewegungen. Dabei kommt es am Ende der Tretbewegung zu einer exzessiven Hüftbeugung und Kniestreckung. 

Laufverletzungen: 

Hierbei kommt es vor allem in der späten Schwungphase des Gangzyklusses zu einer exzentrischen Überladung der Hamstrings. 

Kraftabhängige Verletzungen: 

Hierüber herrscht in der aktuellen Wissenschaft Uneinigkeit. Dabei scheint vor allem eine Vorermüdung der Hamstrings der Hauptrisikofaktor für eine Verletzung zu sein. (Danielsson et al. 2020)  Zudem fanden Schuermans et al. bei einer Untersuchung aus dem Jahre 2014 heraus, dass ​​eine herabgesetzte muskuläre Aktivierung der Hamstrings zu einem erhöhten Verletzungsrisiko führt. Diese herabgesetzte Aktivierungsfähigkeit ist oftmals bei Athleten zu beobachten, die in der Vergangenheit bereits schon einmal eine Hamstringverletzung erlitten haben. (Schuermans et al., 2014)

4. Klinische Präsentation & Diagnostik

Üblicherweise klagen Athleten über plötzlich einsetzende Schmerzen im hinteren Oberschenkel. Alle Symptome, die nicht durch traumatische Ereignisse ausgelöst werden, sollten differentialdiagnostisch untersucht werden.

Anamnese

Wie bereits oben erwähnt, klagen betroffene Athleten über plötzlich einsetzende Schmerzen im hinteren Oberschenkel, die manchmal mit einem hörbaren und/oder spürbaren Pop einhergehen. Die Verletzung erfordert in den meisten Fällen eine sofortige Beendigung der Aktivität. Die Abklärung von vorangegangenen Verletzungen dieses Areals ist in der Anamnese wichtig, da vorherige Verletzungen das Risiko einer Verletzung um den Faktor 2,7 erhöhen. (Green et al., 2020)

Palpation

Ein Abtasten des verletzten Oberschenkels dient zur genauen Lokalisation der Verletzung. Außerdem sollte der Abstand der Verletzung zum Os Tuber Ischiadicum, sowie die Länge und Breite des verletzten Areals gemessen werden. Diese Daten sollten während der weiteren Rehabilitation zur Beurteilung des Verlaufes immer wieder erhoben werden. 

Je näher der palpierbare Schmerz am Os Tuber Ischiadicum oder je länger er im Allgemeinen ist, desto länger scheint die Genesung zu dauern. Therapeuten sollten sich allerdings bewusst sein, dass es sich hierbei um eine sehr subjektive Methode handelt. Das bedeutet, dass die Ergebnisbeurteilung relativ schwammig und unzuverlässig werden kann, weil die Wahrnehmung dieses Schmerzes von Person zu Person unterschiedlich ist. (van Dyk et al., 2018)

Bewegungsausmaß

Sowohl die Beweglichkeit der Hüftbeugung als auch die Kniestreckung sollten gemessen und mit der nicht verletzten Seite verglichen werden. Die Seitendifferenz kann zur Beurteilung der Schwere der Verletzung beitragen. Außerdem stellt die vollumfängliche Streckfähigkeit des Knies bei gebeugter Hüfte ein wichtiges Maß zur Beurteilung der Fähigkeit zur Rückkehr in den Sport dar. 

Des Weiteren sind die Hüftmobilität in Beugung sowie die Beweglichkeit des Sprunggelenks in Dorsalextension von Interesse. Ein überdurchschnittliches Bewegungsausmaß der Hüftbeugung oder ein Defizit des Sprunggelenks in Dorsalextension können Risikofaktoren für eine Hamstringverletzung darstellen. (van Dyk et al., 2018)

Kraftmessung

Die Kraft der Hamstrings wird nach Verletzung üblicherweise in isometrischen Positionen getestet. Dabei soll der Betroffene die Schmerzintensität auf einer numerischen Skala (von 0 – 10) bewerten. Die Kraftwerte können entweder per Gerät (wie z.B. einer Waage) oder per manueller Krafttestung messbar gemacht werden. Hierbei sollte die Kraft in Kniebeugung und Hüftstreckung sowohl in Bauchlage, als auch in Rückenlage gemessen werden. 

Bildgebung

Die Bildgebung mittels MRT kann dazu beitragen, Gewebeschäden zu identifizieren und zu klassifizieren. Trotzdem liefert Bildgebung in den meisten Fällen vernachlässigbare Benefits, was die Beurteilung der Schwere der Verletzung sowie die Fähigkeit zur Rückkehr in den Sport betrifft. (Hickey et al. 2022) 

5. Hamstrings verletzt – Darauf kommt es jetzt an

Wurde eine Hamstring-Verletzung vom Arzt diagnostiziert, gilt es möglichst ohne Verzögerung mit der Rehabilitation zu beginnen. Diese sollte darauf abzielen, den betroffenen Athleten sicher, effektiv und zeitnah zurück in den jeweiligen Sport zu bringen. 

Hierbei empfehlen wir einen task-basierten Ansatz. Durch unterschiedliche Ausprägung der Verletzung und unterschiedliche Beanspruchungen der Muskulatur durch jeweilige Sportarten ist es schwer einen zeitlich basierten Ansatz zu wählen.

Die Rehabilitation lässt sich in verschiedene Phasen mit verschiedenen Zielen gliedern. Tabelle 1 liefert hierüber einen kurzen Überblick.

Im Folgenden soll ein Überblick über mögliche Phasen der Rehabilitation einer Hamstringverletzung und jeweilige Interventionen verschafft werden. 

Bei allen Interventionen sollte der Athlet möglicherweise auftretende Schmerzen unterhalb einer 4/10 auf der numerischen Schmerz-Skala (NRS) und im größtmöglichen Bewegungsausmaß bewegen. 

Die numerische Schmerzskala ist eine Methode, die Schmerzen und den Verlauf von Schmerzen messbar machen kann. Dabei soll eine Person (hier der Athlet) auftretende Schmerzen in Ruhe, in Bewegung oder während verschiedenen Aktivitäten subjektiv auf einer Skala von 0 (=keine Beschwerden oder Schmerz) bis 10 (= größtmöglich vorstellbare Beschwerden oder Schmerzen) bewerten. Dies erleichtert Therapeuten und Trainern die Trainingssteuerung und Übungsauswahl.

 

Trainingsinterventionen

Laufen

Ein progressiver Wiedereinstieg ins Lauf- und Sprinttraining stellt das wichtigste Thema der Hamstring-Rehabilitation dar, da dies für die meisten Sportarten fundamental wichtig ist. Hierfür kann das 3-stufige progressive Laufprotokoll über 100 Meter von Hickey et al. (2022) empfohlen werden.

Die Autoren empfehlen in Phase 1 mit dem Laufen zu beginnen, sobald Gehen mit minimalem Schmerz (Schmerz von <4/ auf einer Schmerzskala von 0 bis 10) möglich ist. Hierbei sollte mit langsamem Joggen (ca. 25% der maximalen Geschwindigkeit) begonnen werden und das Tempo innerhalb Phase 1 auf bis zu 50% der maximalen Geschwindigkeit zu steigern. Sobald moderates Joggen tolerierbar ist, kann in Stufe 2 vorangeschritten werden. 

Stufe 3 sollte erst dann in Angriff genommen werden, wenn schnelles Rennen (ca. 80% der maximalen Geschwindigkeit) schmerzfrei durchführbar ist. Auf dem Weg zur maximalen Geschwindigkeit sollte die Intensität in möglichst kleinen Schritten gesteigert werden. Hier empfehlen Hickey et al. die Intensität ab 80% der maximalen Geschwindigkeit in 5% Schritte zu erhöhen, um das Risiko einer erneuten Verletzung zu minimieren. 

Sobald das Sprinten mit 100% der maximalen Geschwindigkeit möglich ist, sollte die Rehabilitation in diesem Bereich durch sportartspezifische Inhalte ersetzt werden. Um das Risiko einer erneuten Verletzung weiterhin so gering wie möglich zu halten, raten Hickey et al. allerdings dazu, große Volumina an Sprints behutsam zu steigern. (Hickey et al. 2022) 

 

Hamstringflexibilität

Flexibilitätsübungen der Hamstrings werden vor allem zu Beginn einer Rehabilitation genutzt. Dabei sollen Unterschiede des Bewegungsausmaßes im Seitenvergleich ausgeglichen werden. In den meisten Fällen bilden sich diese Einschränkungen jedoch innerhalb der ersten zwei Wochen zurück und erfordern meist keine Intervention. Sollten Bewegungseinschränkungen im Rehaverlauf nicht wieder ausgeglichen werden, sind Flexibilitätsübungen dennoch zu empfehlen. Einschränkungen in der Beweglichkeit beim Wiedereinstieg in den Sport korrelieren mit einem erhöhten Risiko einer erneuten Verletzung der Hamstrings. (Maniar et al. 2016) 

 

Krafttraining

Exzentrische Hamstringkräftigung 

Exzentrische Kräftigungsübungen nach Verletzung der Hamstrings sind weit verbreitet. Hierbei bringt die Muskulatur Kraft auf, während sie gedehnt wird. Exzentrisches Training soll die Hamstrings widerstandsfähig für hohe Kräfte während des Sprintens machen. Dabei zielen exzentrische Kräftigungsübungen auf Defizite in Muskelkraft und Struktur des Muskels ab. 

In der Akutphase, kurz nach Verletzung, eignet sich das “Askling L- Protokoll.” Durch exzentrische und verlängerte Muskelaktivität soll hierdurch das aktive Bewegungsausmaß im schmerzfreien Bereich verbessert werden. (Askling et al. 2014) 

Durch diese Übungen können die Hamstrings jedoch nicht mit hohen Intensitäten beladen werden, was jedoch für die Rückkehr in den Sport zwingend notwendig ist. Mit der progressiven Belastungssteigerung sollte so bald wie möglich begonnen werden. 

Die Konfrontation der Muskulatur mit hohen Intensitäten in sowohl konzentrischer als auch exzentrischer Aktivität ist nicht nur für die Kräftigung, sondern auch zur Senkung des Risikos einer Wiederverletzung entscheidend. (Van Dyk et al. 2019) 

Exzentrische Übungsprogramme sind nach Läsionen der Hamstrings mittlerweile weit verbreitet. Obwohl sie unserer Meinung nach Teil einer guten Rehabilitation sein müssen, stellt sich die Frage, wie und ab wann damit begonnen werden kann. 

Häufig wird mit exzentrischer Belastung der Hamstrings gewartet, bis Betroffene schmerzfrei sind und sie sich ohne Bewegungseinschränkungen im Seitenvergleich bewegen können. Aktuelle Wissenschaft hingegen zeigt, dass mit exzentrischer Muskelaktivität sofort begonnen werden kann. Sofortige exzentrische Aktivierung mittels submaximaler Übungen, wie dem bilateralen Slider (Bild siehe unten), konnte laut Hickey und Kollegen zwar die Zeit zur Rückkehr in den Sport nicht verkürzen, lieferte jedoch verbesserte Ergebnisse in Hinsicht auf die Kraftentwicklung der kniebeugenden Muskulatur.(Hickey et al. 2020) 

Sobald Athleten diese Übung in vollem Bewegungsausmaß durchführen können, sollte zu einer einbeinigen Variante übergangen und mit der Übung Nordic Hamstring Exercise (Bild/ Video siehe unten) begonnen werden. Von hier an sollte das Rehaprogramm sinnvoll (z.B. in Bezug auf Schmerz) und vor allem progressiv weiter gestaltet werden. (Hickey et al. 2022) 

Kräftigung der Hüftstrecker

Ein gut designtes Rehaprogramm sollte zwingend auch einen progressiven Belastungsaufbau der hüftstreckenden Muskulatur beinhalten. Hierbei werden die Hamstrings in größerer Muskellänge belastet. Hier kann beispielsweise der Diver aus dem Askling-Protokoll bereits zu Beginn der Reha als Übungsvariante gewählt werden. Fortschreitend eignen sich Übungsvarianten wie der Bridge oder dem Romanian Deadlift. (Hickey et al. 2022) 

Des Weiteren spielt die Gluteale Muskulatur als Hüftstrecker im Sprint eine entscheidende Rolle. Während des Beschleunigens dienen sie zur horizontalen Kraftübertragung auf den Boden.

Als Übungsvarianten, die auf Training der Hüftstrecker abzielen, sollten jene gewählt werden, die die Hüfte in großer Kniebeugung strecken. Hier eignen sich zu Beginn beidbeinige Hip Thrusts, die später einbeinig, beladen und explosiv durchgeführt werden sollten. (Ho et al., 2020)

 

Zusatz

Neben der Reha von Hamstring- und glutealer Muskulatur gelten Übungen für die Rumpfstabilität, sowie Agilitätstraining und eine Optimierung der Lauf- und Sprinttechnik als wichtig für die Rehabilitation nach einer Verletzung der Hamstrings. 

Diese Punkte beruhen meist auf biomechanischen Modellen und scheinen logisch zu klingen, allerdings wurde ihre Wirksamkeit in Zusammenhang mit der Rehabilitation nach Hamstringverletzungen noch nicht ausreichend nachgewiesen. (Hickey et al., 2022)

 

Passive Interventionen

Manche Athleten erhalten während der Rehabilitation einer Hamstring- Verletzung Injektionen mit Platelet- Rich Plasma (PRP). Hierbei wird das Blut des betroffenen Athleten mittels Zentrifuge in seine Bestandteile unterteilt. Die hierdurch erhöhte Konzentration an Blutplättchen wird in Folge in den verletzten Muskel injiziert und soll dabei helfen, dass dieser besser und schneller heilen kann. Eine aktuelle Meta- Analyse von Seow und Kollegen zeigt allerdings weder eine Verkürzung der Rehabilitationsdauer noch eine Reduktion des Wiederverletzungsrisikos nach PRP- Injektion. (Seow et al., 2021)

Auch für manuelle Therapie fehlt bislang der Nachweis der Wirksamkeit. Hierfür sollte jeder Physiotherapeut den Kosten-Nutzen-Faktor im Auge behalten, bevor manuelle Therapie in die Rehabilitation integriert wird. (Mendiguchia et al., 2017)

6. So gestaltest Du die Rückkehr in Deinen Sport

Die Rehabilitation einer Hamstring- Rehabilitation ist von vielen Faktoren abhängig. Grob lassen sich diese Faktoren in extrinsische (von außen wirkende wie z.B. Druck auf einen Athleten, von dem baldige Rückkehr erwartet wird) und intrinsische (von innen wirkende wie z.B. Alter, Geschlecht, Verletzungshistorie und Art der Verletzung) gliedern. Diese Faktoren beeinflussen die Dauer der Rehabilitation. (Ardern et al., 2016)

 

Sobald sportartspezifische Trainingsinhalte wie Sprints oder exzentrische Kräftigung mit hoher Volumina Teil der Rehabilitation werden, ist es entscheidend, Kapazität zur Regeneration zu schaffen. So kann beispielsweise eine Trainingssession mit viel exzentrischer Aktivität die Fähigkeit des Sprintens innerhalb der nächsten 48 Stunden entscheidend behindern. Als Therapeut sollte hier penibel auf die Trainings- und Belastungssteuerung geachtet werden. Laut Hickey et al. sollten Sprints vor dem Krafttraining ausgeführt werden. (Hickey et al., 2022)

 

Im Rehabilitationsverlauf sollten wiederholt Daten zu Themen wie Schmerz, Beweglichkeit, Kraft der Hamstrings etc. erhoben werden, um darauf basierend die Fähigkeit zur Rückkehr in den Sport zu evaluieren. (Ardern et al., 2016) 

 

Zur Beurteilung von Schmerzen während der Rehabilitation eignet sich die Anwendung einer numerischen Schmerzskala (von 0 bis 10). Hierbei sollte laut Hickey und Kollegen die tolerable Schwelle bei 4/10 liegen. Aktivitäten darüber hinaus sollten laut Hickey et al. vermieden werden. Dies ist sicher und ermöglicht die frühere Konfrontation des Athleten mit Progressionen. (Hickey et al., 2020)

 

Die exzentrische Hamstringkraft kann über verschiedene Methoden messbar gemacht werden. Die Aussagekraft dieser Werte scheint in der Wissenschaft jedoch nicht klar zu sein. So korrelieren beispielsweise Asymmetrien der exzentrischen Hamstringkraft im Seitenvergleich nach Rückkehr in den Sport nicht mit einem erhöhten Verletzungsrisiko. (Tol et al., 2014) 

Nichtsdestotrotz spielen die Hamstrings eine Hauptrolle in der Sprintmechanik und die exzentrische Kräftigung dieser sollte unserer Meinung nach unbedingt Teil einer Rehabilitation sein. 

7. Fazit

Als Fazit möchten wir Nahe legen, dass es keinen heiligen Gral in der Rehabilitation von Hamstringverletzungen gibt und man in jedem Fall einen multimodalen Rehabilitationsansatz wählen sollte. Zu Beginn sollten dabei mitunter unbedingt Erwartungen und Anforderungen des Athleten abgeklärt und hinterfragt werden, um die Reha optimal danach auszurichten.

Macht man sich viele verschiedene Interventionen zu Nutze, lässt sich das Risiko einer erneuten Verletzung zwar nachweislich senken, allerdings benötigt dies auch längere Zeit in Rehabilitation. (Mendiguchia et al., 2017)

Wir raten zur Nutzung von Interventionen, die den Ansprüchen des Athleten am ehesten gerecht werden, um so den größten Benefit aus der Rehabilitation einer Hamstringverletzung ziehen zu können.

 

Wenn Du Hilfe in Deiner Rehabilitation & Physiotherapie benötigst, kannst Du uns jederzeit kontaktieren und unsere Social Media Accounts im Auge behalten. Dort posten wir häufig Infos und Übungen zu verschiedensten Problematiken und Verletzungen. Falls Du jemanden kennst, der an einer Hamstringverletzung leidet, kannst Du gerne diesen und weitere Artikel zum Thema mit Deinen Freunden und Bekannten teilen.

 

Vielen Dank fürs Lesen!

Dein Physiotherapie Team aus der Karlsruher Oststadt

Quellenangaben:
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  2. Ardern, C. L., Glasgow, P., Schneiders, A., Witvrouw, E., Clarsen, B., Cools, A., Gojanovic, B., Griffin, S., Khan, K. M., Moksnes, H., Mutch, S. A., Phillips, N., Reurink, G., Sadler, R., Grävare Silbernagel, K., Thorborg, K., Wangensteen, A., Wilk, K. E., & Bizzini, M. (2016). 2016 Consensus statement on return to sport from the First World Congress in Sports Physical Therapy, Bern. British Journal of Sports Medicine, 50(14), 853–864. https://doi.org/10.1136/bjsports-2016-096278

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  4. Bayer, M. L., Magnusson, S. P., & Kjaer, M. (2017). Early versus Delayed Rehabilitation after Acute Muscle Injury. New England Journal of Medicine, 377(13), 1300–1301. https://doi.org/10.1056/NEJMc1708134

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